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Schloss Lufingen

Schloss Lufingen - Baujahr 1663

"Luffingen. Es ligt dieseres Schloss zwischent Kloten und Embrach, wurde Ao. 1281 die Herrschafft Wagenburg genent. Es hat eigene Gerichte, Güter, und die Collatur der Pfarr, ist in underschidenlichen händen gewesen, dermahlen besizet es Tit. Herr Landvogt Iohannes Bräm."

Kupferradierung um 1741/43 von Joh. Conr. Nözli ad naturam delineavit

In Gedenken an einen grossen Zürcher, den ehemaligen Bundesrichter und Regierungsrat Dr. Paul Corrodi (1892-1964). Zitiert mit freundlicher Erlaubnis seiner Nachfahren.

Schloss Lufingen und seine früheren Besitzer

von Herrn Dr. Paul Corrodi, geschrieben 1963

"In der guten alten Zeit gab es auf der Zürcher Landschaft «ausser den öffentlichen Herrschaften und Vogteien, noch eine Anzahl alter Herrensitze mit Schlössern, Feldern und Gerichtsbarkeiten oder auch ohne diese, welche als Privatbesitz von Hand zu Hand gingen und von den Bürgern je nach ihren Vermögensverhältnissen erworben und verlassen wurden. Es war bis zur Revolution die vorherrschende Form von Vermögensanlagen und Betrieb der Landwirtschaft und gewährte auch den Nichtadligen die Annehmlichkeit, ihren ideellen Anteil an der Landeshoheit mit herrschaftlich feudal klingenden Titel auszuputzen. Dank dieser Einrichtung lebte die Hälfte der besser gestellten Einwohnerschaft während der guten Jahreszeit als Wirte oder Gäste auf allen jenen amtlich oder nicht amtlichen Landsitzen in den schönsten Gegenden, gleich den alten Göttern und Halbgöttern der Feudalzeit, aber ohne deren Fehden und Kriegsmühen, im tiefsten Frieden». So schrieb in seinem «Landvogt von Greifensee» Gottfried Keller, der nicht nur der grösste Dichter der Schweiz, sondern auch ein ausgezeichneter Kenner der zürcherischen Geschichte war.

Ein solches Schlossgut, wie dasjenige, auf welchem sich nach Keller Salomon Landolt mit der «Distelfink» genannten Schönen traf, war einst auch das jetzige Pfarrhaus von Lufingen. Zwar reichte es nicht wie die benachbarten, meist damals schon in Ruinen liegenden Schlösser Teufen, Freienstein, Wart, Pfungen, Wagenburg und andere in das ritterliche Mittelalter zurück, sondern verdankte seine Entstehung dem Bestreben begüterter Zürcher Patrizier, sich einen Herrensitz auf dem Land zu schaffen, ähnlich wie beispielsweise auch Schloss Trüllikon oder das benachbarte Schloss Nürensdorf.

Im Mittelalter gehörte Lufingen, in der Grafschaft Kyburg gelegen, zur Herrschaft Wagenburg, ja es soll zeitweise kurz nur als «Herrschaft Wagenburg» bezeichnet worden sein; es stand also unter der Vogtei der auf der Wagenburg sesshaften Herren von Wagenberg. Eine sehr schöne gotische Grabplatte eines derselben, des Ritters Heinrich von Wagenberg (…1380) mit dem Wappenschild und Helm, ist noch heute in der Kirche des ehemaligen Klosters Rüti zu sehen. Schon viel früher hatte indessen eine wagenbergische Erbtochter, Adelheid, den Ritter Hartmann von Heidegg geheiratet, und fortan wurden ihre Nachfahren mit der Herrschaft Wagenburg belehnt. Auch vom Geschlecht Heidegg, dessen Stammburg ob Gelfingen am Baldeggersee wohlerhalten ist und jetzt das schweizerische Jagdmuseum beherbergt, ist noch das ritterliche Wappen auf einer Grabplatte der Zürcher Landschaft zu sehen, nämlich auf der an der Aussenseite der Bergkirche (St. Nikolaus) zu Rheinau aufgestellt des 1656 verstorbenen Junkers Christoph Jacob von Mandach, der mit Eva von Heidegg aus Waldshut vermählt war; die Grabplatte zeigt das Allianzwappen des Paares.

Lufingen wurde 1451 von Henmann von Heidegg an das Stift St. Blasien im Schwarzwald verkauft, das es nach rund 200 Jahren, 1645, an seinen Zürcher Amtmann (im Stampfenbach), Junker Gerold Edlibach, veräusserte. Dieser behielt indessen die Herrschaft nicht lange, sondern versuchte sie schon 1647 an Winterthur zu verkaufen. Diese zürcherische Landstadt war darauf erpicht, feudale Herrschaftsrechte auf der Landschaft an sich zu bringen. Schon 1598 hatte sie die Mörsburg erworben, 1629 Schloss und Herrschaft Pfungen. Der Ankauf Hegis von Junker Wolf Dietrich von Hallwil 1587 war nicht gelungen, indem Zürich das Zugrecht ausübte, die Herrschaft selbst erwarb und daraus eine Obervogtei machte, zur grossen Enttäuschung und Erbitterung der Winterthurer. Die regierende Hauptstadt sah es nämlich nicht gerne, dass die Landstadt Winterthur in den Besitz herrschaftlicher Rechte zu gelangen suchte, um schliesslich einen Staat im Staate zu bilden. Auch im Falle Lufingens wurde das Zugrecht ausgeübt, indem einer der hervorragendsten Zürcher, Johann Heinrich Waser (1600-1669), damaliger Landvogt zu Kyburg und nachmaliger Bürgermeister, als Käufer eintrat.

Dieser erwarb am 17. Juli 1647 «die Vogtey, Gerichtsherrlichkeit, u. bis uff 9 Pfund zu straffen; Collatur der Pfarrey, Lybeigenschafft, u. Zinssgülten», und am 13. Dezember nahm er die feierliche Huldigung des Gerichtsvogts und der Richter sowie der Herrschaftsangehörigen entgegen. Aber erst 15 Jahre später, Anno 1663, liess er, etwas entfernt vom Dorfe, in aussichtsreicher Lage das recht einfache, aber behagliche und freundliche Schlösschen erbauen, in dem fortan die Gerichtsherren residierten, soweit sie sich da draussen aufhielten; denn sie alle hatten natürlich auch ihre Stadtwohnung. So hielt Bürgermeister Waser Haus im «Golenen Sternen» (Kirchgasse 14) zu Zürich. Es fehlt hier der Raum, ein Lebensbild dieses hervorragenden Zürchers zu zeichnen. Von seinem erstaunlichen Fleisse und seiner auf Schulen und Reisen erworbenen ausserordentlichen gelehrten Bildung legen die zahlreichen Manuskriptbände von seiner auch kalligraphisch hochbegabten Hand, die heute noch auf der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt werden, imponierend Zeugnis ab.

In der Heimatstadt amtete er zuerst als Unterschreiber, stieg dann zum Stadtschreiber auf und wurde schliesslich mit der wichtigen, gewöhnlich als Vorstufe zu Bürgermeisterwürde betrachteten Stellung eine Landvogtes zu Kyburg betraut, um dann 1652 in der Tat zum Bürgermeister erkoren zu werden. Als solcher war er bis zu seinem 1669 erfolgten Tode eines der tüchtigsten Häupter des eidgenössischen Vorortes. Schon vorher war er im ganzen 151 mal als Gesandter und Abgeordneter in eidgenössischen und andern Angelegenheiten verwendet worden. Im grossen Bauernkrieg von 1653 trat er als Vermittler zwischen Obrigkeit und Untertanen in Luzern und Bern auf, der stets zur Nachsichtigkeit und Milde riet und nach den blutigen Gefechten nachdrücklich auf humane Behandlung der Unterlegenen drängte. Schon bei dieser Vermittlung im Bauernkrieg war Wasers Vertrautheit mit den alten Urkunden und Bundesbriefen in Erscheinung getreten. Noch mehr war dies der Fall, als Zürich mit den evangelischen Orten zusammen 1655 den sehr begrüssenswerten Schritt unternahm, in der Tagsatzung eine Erneuerung der Bünde im Sinne der Zusammenfassung der vielen örtlichen und allgemeinen Bundesbriefe in eine einzige Bundesurkunde, und damit eine etwas einheitlichere Gestaltung der Eidgenossenschaft anzustreben. Waser hatte den Hauptanteil an dem neuen, auf eine Kräftigung des gemeinsamen Vaterlandes hinzielenden Bundesprojekt, dessen Verwirklichung aber leider an der Rivalität und der konfessionellen Eifersucht unter den Eidgenossen kläglich scheiterte. Nachdem schon die Katholischen Orte sich Frankreich neuerdings verpflichtet hatten, kam 1663 durch Einwilligung auch der evangelischen Stände die Erneuerung des früheren französischen Sold- und Pensionsvertrages mit König Ludwig XIV. zustande. Zürich als eidgenössischer Vorort stand dabei in vorderster Linie. Bei der glanzvollen Zeremonie des Bundesschwurs in der Kirche Notre Dame zu Paris am 18. September 1663 trat Bürgermeister Waser an der Spitze der eidgenössischen Abordnung dem «Roi Soleil» persönlich gegenüber. Dies war ohne Zweifel der Höhepunkt seines erfolgreichen Lebens. Auf dem prachtvollen Gobelin-Wandteppich, einem der kostbarsten Stücke des Schweizerischen Landesmuseums, ist der Augenblick packend dargestellt, wobei der Gegensatz zwischen der königlichen Majestät und dem einfachen, schwarzgekleideten und weissbärtigen Bürgermeister in die Augen springt. Gerade die Rolle, die Waser bei diesem historischen Ereignis spielte, trug aber dazu bei, dass er von Neidern beschuldigt wurde, von Frankreich «gekauft» worden zu sein; doch führte eine vom Rate angeordnete Untersuchung zu seiner vollen Rehabilitation. Leider haben auch in neuerer Zeit sonst hochverdiente Historiker auf Grund unsorgfältiger Auswertung vorhandener Akten den Charakter Wasers ungerecht herabgesetzt. Doch würde es zu weit führen, dies hier näher darzutun.

Nachdem Bürgermeister Waser 1669 verstorben und im Grossmünster zu Zürich beigesetzt worden war, folgte ihm als Gerichtsherr zu Lufingen sein gleichnamiger Sohn, Johann Heinrich Waser (1633-1696), Stadtschreiber wie einst sein Vater, dann des Rats von freier Wahl, Landvogt im Thurgau und schliesslich Seckelmeister (Finanzvorstand) der Stadt Zürich. Dessen wiederum den gleichen Namen tragender Sohn Johann Heinrich Waser (1668-1738) heiratete Katharina Hirzel, Tochter des Rittmeisters und Gerichtsherrn von Elgg, Johann Heinrich Hirzel. «Auf ihr Beyder Hochansehnlicher Ehe-Verlöbnuss, gehalten zu Lufingen den 29. October 1695», erschien - wie damals zu allen Vermählungen innerhalb prominenter Züricher Patrizierfamilien - ein Heft im Drucke mit vielen deutschen, lateinischen, griechischen und italienischen Gedichten, betitelt: «Wohlmeinliche Wunsch- und Segens-Kränze, gewunden von der Hochgelehrten Musen Schaar», aus dem wir als Pröbchen der schrecklichen Reim-dich-oder-ich-friss-dich-«Poesie», die im damaligen Zürich «verübt» wurde, nur vier Verse wiedergeben möchten, in denen die Abstammung beider Brauleute von Bürgermeistern der Stadt und der Eigenschaft beider Väter als Gerichtsherren (nebst vielen weiteren, kaum erträglichen Lobhudeleien) rühmend präsentiert werden:

«Gross-Eltern Beiderseits sind unsers Lands gewesen
Zwey Häupter, deren Lob niehmalen kan verwesen.
Die Eltern Beiderseits vilfaltig sind geehrt,
Da dan auch Beyder Ruhm Gerichtsherrlichkeit vermehrt.»

Die «Gerichtsherrlichkeit» Lufingen ging nun freilich nicht auf den damaligen Bräutigam Johann Heinrich Waser über, sondern, nach dem Tode seines Vaters, 1697, and Hans Heinrich Bräm (1660-1729), seinen Schwager, der 1679 seine Schwester, Anna Magdalena Waser, geheiratet hatte, zu welcher Feier ebenfalls ein «Poesie»-Bändchen, «Heilwünschende Freuden-Gedichte», erschienen war, mit welchen wir aber den geneigten Leser verschonen wollen.
Die 1868 ausgestorbene Familie Bräm, bei welcher nun die Herrschaft längere Zeit verblieb, gehörte wie die Waser, Holzhalb, Rahn und andere zu den Patrizierfamilien, die im Zürich des 16. und 17. Jahrhunderts eine grosse politische Rolle spielten, hat sie der der Stadt Zürich doch nicht weniger als drei Bürgermeister gestellt. Auch sie ist freilich dem Schicksal der meisten dieser Geschlechter nicht entgangen, nach wenigen Generationen Ansehen und Vermögen zu verlieren und in bescheidenere Ränge zurücktreten zu müssen. Vorläufig allerdings sassen noch drei Glieder (Vater, Sohn und Enkel) als Gerichtsherren zu Lufingen, und aus der Brämen-Zeit datiert die älteste Ansicht des Schlosses Lufingen, auf einer Zeichnung von Johann Conrad Nötzli, die wir hier wiedergeben. Das Schlösschen ist ein einfacher zweistöckiger Bau von rechteckigem Grundriss. Eine etwas «feudale» Note bringen die zwei zierlichen Dachtürmchen ins Bild, und auch das Vordächlein vor der Haustür, ähnlich dem «Vorzeichen» an ältere Kirchen der Landschaft, dient zum Schmucke des sonst fast übertrieben einfachen Baus. Man hat einen lieblichen Blick auf das Dorf Lufingen mit dem Kirchturm, rechts in den Obstbäumen halb versteckt, und links nach Oberembrach hinüber, sowie auf die sanften Wald-«Höger» des Hintergrundes. Ein reizendes Bild ländlich stillen Friedens!

Doch über dem freundlichen Idyll schwebten unsichtbar schon schwarze Wolken. Der damalige Gerichtsherr, Johannes Bräm (1691-1765), Zwölfer (Grossrat) zum Widder, wo die Bräm seit alters zünftig waren, und Landvogt zu Grüningen, sollte der letzte Lufinger Gerichtsherr sein. Nachdem er schon verschiedene zum Schlossgut gehörende Parzellen versilbert hatte, musste er 1763 wegen Schulden «austreten», «verauffahlete» (geriet in Konkurs) und wurde durch Ratsbeschluss «von Statt und Land verwiesen», bis er seine Kreditoren befriedigte und ihre Ansprüche ausbezahlt haben werde. Sein Sohn, Heinrich Bräm (1737-1791, gelangte hierauf mit einer «ehrerbietigen Supplikation» an die Obrigkeit, es möchte ihm ein Notverkauf bewilligt und gewisse Gefälle und Rechte zu Lufingen um einen angemessenen Preis an die Schuld, welche «ein lobl. Sekelamt» auf der Herrschaft Lufingen zu fordern habe, übernommen werden. Die Gnädigen Herren haben dem «gnädigst willfahret», den Verkauf der Liegenschaften unter Aufsicht von Amtmann Schinz zu Embrach bewilligt und die gerichtsherrlichen Rechte samt Kollatur (dem Rechte des Pfarrer-Einsatzes) zum Anrechnungswerte von 2'500 Gulden an die Forderung des Seckelamtes von 18'000 Gulden übernommen, sowie auch die meisten Grundstücke. Die Ausübung der Gerichtsbarkeit war fortan dem obrigkeitlichen Amtmanne zu Embrach übertragen, womit die private Gerichtsherrschaft Lufingen zu existieren aufhörte.

Das Schloss, das nun also nicht mehr der Sitz eines Gerichtsherrn, sondern ein einfaches Landhaus war (obwohl ihm der Name «Schloss» bis auf den heutigen Tag verblieben ist), wurde mit den noch übrigen nächstgelegenen Grundstücken 1768 and Doktor Grob aus Herisau verkauft, der es seinerseits im Jahre 1777 wieder an einen Zürcher, den Capitän (Hauptmann) Hans Rudolf Freitag (1731-1795), gewesenen Adjutanten in holländischen Diensten, veräusserte. Dieser errichtete im Schlosse eine Bierbrauerei, womit nun erst recht der eigentliche Schlusspunkt hinter die feudale Vergangenheit des Anwesens gesetzt wurde. Capitän Freitag starb 1795 als letzter seines Geschlechts, nachdem er aber bereits 1786 Schloss Lufingen an Junker Heinrich Grebel (1755-1813), früheren Konstanzer Amtmann auf Dorf zu Zürich, verkauft hatte. Dieser veräusserte es schon 1797 weiter an Martin Schulthess (1754-1811), Chef des Bankhauses «zur Limmatburg» in Zürich und Zwölfter zum Kämbel, der es dann seinem Bruder Mathias Schulthess, früherem Gerichtsherrn zu Wittenwil (im Thurgau) und späterem Besitzer des Burghofes am Katzensee, abtrat.

Im Jahre 1812 endlich vertauschte dieser letzte private Eigentümer, alt Gerichtsherr Matthias Schulthess, das Schlossgebäude durch Vertrag mit der Kantonsregierung gegen das in Embrach stehende bisherige Lufinger Pfarrhaus. In Lufingen selbst hatte es nämlich bis dahin keins solches gegeben, sondern der dortige Pfarrer hatte in Embrach, in einem dem Staate gehörenden Gebäude des ehemaligen Chorherrenstiftes wohnen müssen. Das Schlossgebäude in Lufingen bestimmte die Regierung nun zum Pfarrhaus der Gemeinde und liess es in den nächsten Jahren als solches herrichten. Vermutlich hat es damals die letzten äusserlichen Reminiszenzen an die feudale Vergangenheit eingebüsst, insbesondere die beiden Türmchen auf dem Dache und das «Vorzeichen» vor dem Eingang, und wurde so zu dem einfachen, schlichten Hause, das man heute sieht.

Im Innern haben sich noch Spuren herrschaftlicher Wohnkultur erhalten. Einst waren alle Decken mit Stuckbalken geschmückt, was man noch in den alten Heizgängen und in einem Zimmerchen sehen kann. Noch aber ist die schöne alte Stuckdecke im Studierzimmer erhalten, die offenbar aus der Bauzeit (1663) stammt aber bei weitem einfacher als die prachtvolle Saaldecke im Schloss Trüllikon gestaltet ist. Das Studierzimmer besitzt auch noch das schöne alte Täfer. Sonst aber sind durch den Einbau von WC und Zimmerchen im Laufe der Zeit vielfach die guten Proportionen zerstört, das Treppenhaus und manches andere einfach mit Fastäfer eingeschalt und gestrichen worden. Während Jahren und Jahrzehnten hat man immer wieder geflickt, ohne im geringsten an die ursprüngliche Bedeutung und den baulichen Rang des Hauses zu denken. Dieses könnte ein Juwel sein, wenn darauf geachtet worden wäre.

Dabei gab es wohl berufene Leute, denen dies bewusst war. August Weidmann (1842-1928), der zweite grosse Lufinger (nach Bürgermeister Waser), mit 22 Jahren Gründer und selbständiger Leiter des dann zum grössten seiner Art heranwachsenden Färbereibetriebes in Thalwil, bedeutendster und einflussreichster Seidenindustrieller im Färbereifach, Gründer der «August-Weidmann-Fürsorgestiftung» und mehrerer gemeinnütziger Anstalten in seiner Wohngemeinde Thalwil, bekannt durch seine bedeutenden Vergabungen für gemeinnützige Zwecke daselbst (wie auch von 290'000 Franken für seine Heimatgemeinde Lufingen), wollte, wie uns erzählt wird, seinerzeit das alte Haus wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen und renovieren, natürlich auf seine Kosten. Er habe sich mit dem damaligen Kantonsbaumeister deswegen in Verbindung setzen wollen, der ihn aber schon am Telephon barsch habe «abfahren» lassen: Das sei Sache des Staates! August Weidmann habe dann voll «Täubi» selbst ein neues Pfarrhaus bauen wollen, sei aber kurz hernach gestorben...

Nun denn: Dann sei es wirklich Sache des Staates, dem hier eine dankbare kulturelle Aufgabe winkt! Und dem «Heimatschutz» stünde es an, anregend oder mahnend einzuwirken! Quod felix faustumque sit!"

Dr. Paul Corrodi, 1963