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Gerichtsherr von Lufingen

Johann Heinrich Waser (1600-1669)

J.H. Waser ist wohl einer der bekanntesten Zürcher der je gelebt hat. Am 28. Juni 1652 wurde er zum Bürgermeister von Zürich gewählt.

Zitiert mit freundlicher Erlaubnis von Herr Norbert Domeisen und Verlag Peter Lang AG, Bern.

"Noch während seiner Amtszeit als Vogt von Kyburg erwarb Johann Heinrich Waser die Gerichtsherrschaft Lufingen, die im Gebiet seiner Landvogtei lag. Die näheren Umstände dieses Kaufes hat er im verlorenen zweiten Teil seiner Oeconomica aufgezeichnet, so dass uns nur wenige Quellen darüber zur Verfügung stehen. Die Gerichtsherrschaft Lufingen wurde im Dezember 1645 vom Kloster St.Blasien an seinen Zürcher Amtmann im Stampfenbach, Gerold Edlibach, für 4'000 Gulden verkauft. Der Rat von Zürich billigte diesen Kauf und verlieh Edlibach die Lehensrechte. Diese Bestätigung und Verleihung war notwendig, weil die Stadt oberster Lehensherr ihres Untertanengebietes war und weil mit den Gerichtsherrschaften Rechte verbunden waren, die der Stadt als Feudalherr zukamen und die von ihr verliehen, nicht aber verkauft werden konnten. Zu diesen Rechten gehörte in allen Fällen die Ausübung der Gerichtsbarkeit für Vergehen, die mit Geldstrafen von bestimmter Höhe geahndet wurden. Von diesen Gerichten konnte direkt oder indirekt über das jeweilige Grafschaftsgericht an den Zürcher Rat appelliert werden. Die Gerichtsherrschaften konnten vererbt werden, wobei der Rat dem Erben die Lehensrechte allerdings wieder bestätigen musste. Die meisten Gerichtsherren hatten auch noch Grundeigentum und alte Feudalrechte in ihrer Herrschaft. Gerade bei diesen Gerichtsherrschaften zeigt sich die enge Verflechtung von privatem und öffentlichem Eigentum.

Edlibach, der die Gerichtsherrschaft zu einem besonders günstigen Preis vom Abt von St.Blasien übernehmen konnte, weil er dem Kloster treue Dienste geleistet hatte, versuchte, diese kaum zwei Jahre später weiter zu verkaufen. Er soll, so berichten Chronisten, zuerst versucht haben, Lufingen an die Stadt Winterthur zu veräussern. Zürich soll aber damit nicht einverstanden gewesen sein. Diese chronikalische Überlieferung scheint glaubwürdig, umsomehr als ab 1662 in den Zürcher Ratsmanualen immer wieder Beschlüsse bestätigt wurden, die es der Stadt Winterthur und deren Ämtern verboten, solche Herrschaften im zürcherischen Untertanenland zu erwerben. Edlibach war somit gezwungen, einen Käufer zu suchen, der dem Rat genehm war. Er fand diesen in seinem Schwager, Hans Heinrich Waser. Der Kauf wurde am 15. Juli 1647 abgeschlossen. Waser hatte 5'000 Gulden als Kaufsumme zu zahlen, davon 2'000 R bar und für den Rest übernahm er Schuldverpflichtungen gegenüber Oberst Jakob Rahn, Offizier in französischen Diensten, im Betrage von 2'100 R und gegenüber Hauptmann Ulrich Reinhart für 900 Gulden. Dazu gab Waser der Frau des Verkäufers ein Trinkgeld von 50 Dukaten (170 R), während sich dieser verpflichtete, Lufinger Schulden von 25 Dukaten (85 R) zurückzuzahlen. Im Kaufvertrag versprach Edlibach seinem Schwager u. a. noch, die wenigen rechtlichen Dokumente, die wegen eines Brandes des Klosters St.Blasien noch vorhanden waren, auszuhändigen und allfällige weitere Schriftstücke, die sich noch im Kloster befänden, auf eigene Kosten abzuholen und ihm, Waser, zu übergeben. Die Auslieferung der Urkunden, bzw. die Bestätigung der Rechtmässigkeit des Kaufes durch das Kloster erfolgte trotz Schreiben des Zürcher Rates an den Abt im Jahre 1651 erst im Dezember des darauffolgenden Jahres, als Waser bereits Bürgermeister war. Nach Abschluss des Kaufes bat Waser den Bürgermeister Salomon Hirzel, seinen Gevatter, ihm die Lehensrechte zu verleihen. Dieser entsprach Wasers Bitte und stellte ihm am 16. September 1647 den Lehensbrief aus.

Die Rechte und Besitzungen, die sich Waser auf diese Weise verschafft hatte, umfassten: Das Recht, Strafen bis zum Betrage von 9 Pfund zu verhängen, die Rechte über die Leibeigenen, die Jagdbarkeit der Herrschaft und das Recht, Grundzinse und Vogtsteuern einzuziehen. Weiter gehörte dazu das Kollaturrecht , die Überwachung des Kirchengutes und der Zehnte an nassen und trockenen Früchten, der jedoch vom Amt Embrach eingezogen und für die Besoldung des Pfarrers und Schulmeisters sowie den Unterhalt der Kirche und der Wohnung des Pfarrers gebraucht werden musste. Das Grundeigentum umfasste Wiesen (15 Mannwerk), Reben (9½ Jucharten), Äcker (4½ Jucharten) und Wald (4 Jucharten); dazu kamen noch das "Schlössli", das Haus "zum Kleeblatt" und das Lehenshaus. Alle diese Häuser besassen die Gemeindegerechtigkeit, d. h. sie berechtigten zur Teilhabe an den Gemeindegütern, dafür musste pro Haus je eine Person für das Gemeindewerk gestellt werden. Für diesen Grundbesitz musste Waser, wie die übrigen Gemeindemitglieder, Abgaben leisten. Von nun an stand Waser der Titel eines Gerichtsherrn zu, der von den Bürgern mit Achtung und Respekt ausgesprochen wurde. Das Ansehen, das die Gerichtsherren genossen, dürfte damit zusammenhängen, dass die von ihnen ausgeübten feudalen Rechte - weit mehr als blosser Grundbesitz, der meistens auch zu solchen Herrschaften gehörte - als Attribute des Adels und der Herrschenden schlechthin betrachtet wurden.

Am 13. Dezember 1647, fünf Monate nach dem Kauf, nahm Waser die Huldigung seiner Gerichtsangehörigen entgegen und liess den Gerichtsvogt und die Richter im Beisein des Untervogtes von Embrach als Vertreter der Obrigkeit und des Pfarrers von Lufingen ihren Amtseid schwören. Damit hatte er die Gerichtsherrschaft auch für die Untertanen in sichtbarer Weise übernommen. Zwar residierte er weiter als Vogt auf Kyburg, von wo aus er sich um Lufingen kümmerte. Bereits im folgenden Jahr konnte er von seinem Kollaturrecht Gebrauch machen, als der Lufinger Pfarrer versetzt werden sollte. Dabei musste er sich allerdings zuerst bei seinem Schwager Gerold Edlibach, erkundigen, wie die Wahl und Einsetzung des Pfarrers von ihm seinerzeit gehandhabt worden sei. Schliesslich bestimmten die Examinatoren ohne sein Wissen einen Pfarrer. Gegen dieses Vorgehen legte Waser Protest ein, da er sich um sein Kollaturrecht betrogen sah. Bürgermeister und Rat von Zürich hiessen seine Beschwerde gut und bestätigten ihm das Recht der Pfarrerwahl. Weiter bemühte sich Waser, den Rat von Zürich zur Renovation des Pfarrhauses des Lufinger Pfarrers, das in Embrach stand, zu veranlassen, falls sich dieser nicht gar zum Bau eines neuen Pfarrhauses und einer Pfalz in Lufingen entschliessen könne. Er selbst war ja aufgrund des in der Kaufurkunde erwähnten Zehntenvertrages als Kollator und Gerichtsherr nicht verpflichtet, zum Unterhalt der Kirche oder des Pfarrhauses etwas beizutragen. Nachdem der Embracher Amtmann Nüscheler bereits vor dem Erwerb Lufingens durch Waser dem Rechenrat über die Reparaturbedürftigkeit der Kirche und die Baufälligkeit des Lufinger Pfarrhauses in Kenntnis gesetzt hatte und dieses Gremium den Obmann Rahn beauftragt hatte, die Angelegenheit abzuklären, besonders um festzustellen, ob eventuell in Lufingen ein Haus für den Pfarrer gekauft werden könnte, verstrich ein ganzes Jahr, ohne dass etwas unternommen wurde. Da Waser als Kollator an dieser Sache interessiert war, beauftragte er von Kyburg aus seinen Schwager Hans Caspar Lavater in Zürich, sich um diese Angelegenheit zu kümmern. Lavater, der Waser offenbar zu Dank verpflichtet war, setzte sich mit Eifer ein. Schliesslich konnte er Waser bald darauf mitteilen, er sei bei seinem Schwager, besagtem Obmann Rahn, vorstellig geworden und dieser habe darauf mit einem Werkmeister das Haus in Embrach besichtigt. Die Ausbesserung des Pfarrhauses würde etliche tausend Gulden kosten und ein Neubau in Lufingen samt Pfalz käme auf 3 bis 4'000 Gulden zu stehen. Eine baldige Erstellung sei aber nicht zu er hoffen, weil gegenwärtig der Bau der Fortifikation von Zürich den Vorrang habe. Dennoch schlug Lavater seinem Schwager vor, ein Bauprojekt einzureichen und er versäumte nicht, dem Landvogt seine Dankbarkeit zu bezeugen und dessen Gattin ein Geschenk zu machen. Der Rechenrat beschloss schliesslich, wohl dank Lavaters Drängen, das Pfarrhaus ausbessern zu lassen, um die Ausgaben möglichst gering zu halten. Das Vorgehen Wasers in dieser Angelegenheit zeigt schlaglichtartig die Bedeutung der Verwandtschaft im Regiment. Obwohl dem Landvogt direkte Wege offen gewesen wären, an den Rechenrat zu gelangen, wählte er denjenigen über seinen Schwager. Offenbar führte dieser indirekte Weg nicht nur schneller, sondern auch sicherer zum Ziel. Dies umso mehr, als Lavater einerseits einen Schwager im Rechenrat hatte, andrerseits Waser gegenüber zu Dank verpflichtet war und sich daher umso eifriger dieser Sache annahm. Im allgemeinen scheint Waser nicht nur eitel Freude an seiner Gerichtsherrschaft gehabt zu haben. Aus einem Memorial über die Rechte des Gerichtsherrn zu Lufingen, das Waser nach 1664 verfasste, geht hervor, dass sich die Lufinger offensichtlich sehr selbständig gebärdeten und ihrem Gerichtsherrn wenig Respekt zollten. Vor allem waren sie nicht gewillt, ihm seine Rechte als Gemeindegenosse - er besass in der Herrschaft mehr Boden als der reichste Bauer und war als Grundbesitzer auch Gemeindegenosse - zuzugestehen. Sie beschnitten oder ignorierten seine Rechte im Kleinen und im Grossen. So wehrten sie sich dagegen, dass Waser die Schmiede, die ihm ausfallsweise, d. h. durch Konkurs zugefallen war, und die er hatte ausbessern lassen, an einen nicht zur Gemeinde gehörenden Schmied verkaufte, da sie unter keinen Umständen einen neuen Gemeindegenossen aufnehmen wollten. Sie zeigten damit die gleiche Haltung wie die Bürger der Stadt, die ihre Rechte auch mit keinem Neuankömmling mehr teilen wollten. Weiter versuchten die Lufinger, den grössten Teil der auf die Gemeinde von 34 Haushaltungen und 194 Seelen fallenden Brauchsteuern auf ihren Gerichtsherrn als Grundbesitzer und Gemeindegenosse abzuwälzen, um sich selbst schadlos zu halten. Hier machte also Waser als Gerichtsherr gerade das zu schaffen, was ihm als Landvogt bei der Verwaltung genützt hatte: die Gemeindeautonomie. Während die ländliche Oberschicht sich dem Vogt als Helfer zur Verfügung stellte und ihm diente, wachte sie über ihren lokalen Machtbereich und wehrte jeden Eindringling ab."

Norbert Domeisen, 1975

zitiert aus "Bürgermeister Johann Heinrich Waser (1600-1669) als Politiker" erschienen im Verlag Peter Lang Bern/Frankfurt, ISBN 978-3-261-01542-6 br